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Beim Treten und Schlagen an Grenzen stoßen
Nicht nur über Sportarten berichten, sondern sie selbst einmal ausprobieren - in der Serie der KREISZEITUNG stehen beliebte und allseits bekannte, aber auch ganz außergewöhnliche Sportarten im Mittelpunkt, jeweils von einem unserer Redakteure getestet. Im 26. Teil von "KRZ in Aktion" geht es um Karate.
Ina Kraft
Das Bedürfnis, eine Schlägerei anzuzetteln hatte ich noch nie und in einer brenzligen Situation war ich vor 15 Jahren zum letzten Mal. Trotzdem gefällt mir die Vorstellung, mit ein paar gezielten Schlägen und Tritten einen Angreifer aufs Kreuz legen zu können. Von wegen. "Wir legen niemand aufs Kreuz", sagt Willi Zahn, Chef der Karateabteilung des VfL Sindelfingen. Dann grinst er: "Wenn, dann hauen wir uns um." Aha. "Nein, nein", beruhigt er, gibt aber zu, dass er gerne mit den Klischees spiele, die sich um die asiatische Kampfsportart ranken. "Aber wir haben schon lange keine Dachziegel mehr zerschlagen."
Auf jeden Fall bin ich gespannt. Ich darf bei einem regulären Erwachsenentraining mitmachen. Und als mir all diejenigen anschaue, die nach und nach in der Sporthalle der Königsknoll-Schule in Sindelfingen eintrudeln, werde ich nervös: Nicht etwa, weil die alle gefährlich aussehen. Nein, kein bisschen, aber die schnüren ihren weißen Kittel schwarzen oder braunen Gürtel zusammen. Und auch wenn ich nicht Expertin für asiatischen Kampfsport bin, weiß ich, was das bedeutet: Die können was. Und ich mittendrin: eine blutige Anfängerin.
Aber Willi Zahn gewährt mir etwas Aufschub. Das Training beginnt mit Aufwärmen. Armkreisen, Schulterkreisen, Hüftkreisen, Dehnen. "Zur Mobilisierung der Gelenke", erklärt Zahn, der neben dem 4. Dan auch noch einen B-Trainerschein für Breitensport besitzt.
Nach dem Aufwärmen sind Basistechniken dran, Willi Zahn gibt Kommandos. Kumi-hä? Zuki-Was? Alle wissen, was sie tun haben - nur ich nicht. Ich schaue auf den Braungurt-Träger vor mir und mache es ihm nach. Gerader Fauststoß - Kizami-Zuki, erfahre ich später -, gegengleicher Fauststoß, Gyaku-Zuki, gerader Fußstoß maegeri-shigeri, Halbkreis-Fußstoß, awa shigeri. Jeweils fünfmal. Auf Ansage von Willi Zahn. "Eins, zwei, drei, vier, fünf", ruft er und erinnert: "Denkt dran, alle Energie kommt aus dem Bauch."
Was für die versierten VfL-Karateka entspanntes Vorspiel ist, bringt mich schon an die Grenzen meiner motorischen Fähigkeiten. Linker Fuß vorne? Oder der rechte? Welcher Arm jetzt? Puuuh. "Konzentrier' dich", denke ich. "Bloß keine allzu blöde Figur abgeben." Warm wird mir und trotz des mentalen Stresses fühle ich mich gut, so viel Energie hatte ich den ganzen Tag nicht. Weiter geht's. So genannte Kombinationen stehen an: Abläufe aus einzelnen Katas. Dann Partnerübungen. Willi Zahn ruft seinen technischen Leiter zu sich. "Andi, komm mal her". Andi greift an, deutet einen Fauststoß auf Nasenhöhe seines Gegenübers an. Der blockt, greift den Arm des Angreifers, setzt einen Tritt, gefolgt von einem Hebel - und Andi liegt am Boden. Sieht sehr flüssig, elegant und gekonnt aus. "Jetzt auf fünf", ruft Willi Zahn und ich sehe mich einem erfahrenen Karateka gegenüber und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Angreifen, denke ich, ein Schritt, ein Fauststoß, das kriege ich hin.
Doch so einfach kann ich mich nicht aus der Affäre ziehen. Ich darf (oder muss?) die Technik selber ausführen und stoße wieder an die Grenzen meiner Koordinations- und Merkfähigkeit. "Okay", sagt Willi Zahn und tritt hinter mich. "Locker bleiben, ich führe Sie jetzt." Mit dem linken Arm blocken. Mit dem rechten den Arm des Gegners greifen, mit dem rechten Fuß einen Tritt auf den linken unteren Rippenbogen des Gegners, Fuß vorsetzen und den Gegner seitlich wegziehen. Dann soll ich es ohne führende Hand probieren. Okay noch mal. Mein Gegenüber ist hilfsbereit und geduldig. Ebenso wie die anderen versierten Karateka, mit denen ich verschiedene Abwehrtechniken üben darf. Männer und Frauen sind dabei, manche erst in den 20ern, andere sicher schon über 50, aber beweglicher als so mancher Jungspund.
Alle erklären mir, was ich tun muss, nehmen nachsichtig hin, wenn ich mal wieder links und rechts verwechsle und nicht weiß, wo ich meinen Fuß setzen muss. Selbstredend, dass auch niemand der Versuchung erliegt, mich umzuhauen: Im Gegenteil, Tritte und Schläge sind nur angedeutet und werden allenfalls leicht gesetzt. Ich blicke mich um, auch die anderen gehen pfleglich miteinander um, schließlich geht es darum, die Techniken perfekt durchzuführen und nicht darum, möglichst viele blaue Flecke zu verteilen.
Toll sehen die Bewegungsabläufe aus, wenn sie von zwei erfahrenen Karateka ausgeführt werden. Anders bei mir, der Blick in die Fensterscheibe gegenüber, in der sich meine dilettantischen Versuche spiegeln, ist ernüchternd: Ich werde noch viel üben müssen. Doch obwohl ich mindestens so an meine Grenzen gestoßen bin, wie vor vielen Jahren, als ich es mal dem Wellenreiten versucht habe, hat es Spaß gemacht. So viel dass ich sogar mit dem Gedanken spiele, es nicht bei dem einen Mal zu belassen. Dann, da bin ich mir sicher, suche ich mir aber einen Platz in einem Anfängerkurs.
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Glücklich nach bestandener Gürtelprüfung
Trotz Fußball-Europameisterschaft und Klassenarbeiten haben sich neun Kinder und Jugendliche sowie zwei Erwachsene in der Sindelfinger Königsknoll-Sporthalle ein, um ihre Karate-Prüfung zum nächsten Gürtel abzulegen.
Trotz der guten Vorbereitung durch die beiden Trainerinnen Caroline Haras und Saskia Lukowski konnten die Jugendlichen ihre Nervosität vor den Augen der beiden Prüfer Willi Zahn und Jürgen Schill nicht verbergen. Trotzdem stellte der der technische Teil der Prüfung keine große Schwierigkeit für sie dar. Sie zeigten die Kata (Formenlauf), die jeweils ihrer Leistungsstufe entsprach und waren sehr konzentriert beim Bunkai (Anwendung). Die lange und intensive Vorbereitung war am Ende Erfolg gekrönt, die Prüfer belohnten alle Teilnehmer mit einer Urkunde.
Bestanden haben Seerai Thapa, Marius Schindler, Laura Gemander, Lena Irtingkauf, (alle 9.Kyu), Tim Krautschneider (8. Kyu), Moritz Schneider (6. Kyu), Marcel Hirling, Giovanni Camodeca, (beide 8. Kyu), Manuell Gemander (5. Kyu), Andy Fields (1. Kyu) und Peter Losert (2. Kyu).
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